Geistliches Wort zum Sommer

Wenn Sie diese Zeilen lesen, dann liegt unser Gemeindefest, mit dem wir den Abschluss unseres Kirchenre­no­vie­rung gefeiert haben, schon hinter uns.

Auseinander­setzung mit unseren Wurzeln

Als Stockerauer Pfarrgemeinde sind wir sehr dank­bar für un­se­re Luther­kirche. Der Gottes­dienst­raum – bis 1938 eine jüdische Synagoge – bewegte uns zu einer kriti­schen Aus­ein­an­der­setzung mit der Un­rechts­geschichte zur Zeit des National­sozialismus, die uns in den Besitz des Gotteshauses brachte. Die Reno­vierung der Kirche führte schließ­lich zu einer intensiven Be­schäf­tigung mit den jüdischen Wurzeln unseres christlichen Glau­bens.

Eines ist uns in der Auseinander­setzung mit der Geschichte und der jüdischen Spiritualität bewusst geworden: dass wir unser Christsein nicht am Judentum vorbei leben können, ohne unsere eigenen religiösen Quellen dabei zu verschütten.

Für uns als evangelische Gemein­de sind Christentum und Antisemitis­mus unvereinbar. Jede Form von Antisemitismus richtet sich gegen Gott selbst, der Juden und Christen gemeinsam ist.

Erneuerter Innenraum

Bei der Renovie­rung des Kir­chen­­­rau­mes ha­ben wir darum sorgfältig da­rauf geachtet, die jüdischen Wurzeln un­se­rer Kirche be­hut­sam wieder sichtbar zu machen – etwa durch die Freilegung der Säulen im Kir­chenschiff oder durch das Entfernen der Abdeckungen der Davidsterne an der Balustrade der Frauenempore. Auch wurde die ursprüngliche Symmetrie der Chorraumwand wieder hergestellt.

Die Kunst soll nach unserer Über­zeugung in diesem öffentlichen Raum das fruchtbare Miteinander von Judentum und Christentum ver­sinn­bildlichen: die beiden Mate­rialien, die wir für Kanzel, Altar und Taufbecken gewählt haben, sind Glas und Bronze.

Der Kanzelsockel besteht aus einer bronzenen Wurzel, aus der – ins Kanzelglas geätzt – ein zarter Ölbaumzweig als Zeichen der Hoffnung wächst. Es gibt für den Glaubenden keine völlige Hoff­nungs­­losigkeit. Das Evangelium, das hier von der Kanzel verkündigt wird, belegt die Erkenntnis jüdischer Spiritualität, dass Gott aus dem Wurzelstrunk unseres Ungehorsams und Scheiterns das zarte Pflänzchen des Vertrauens erwachsen lässt, denn „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2.Timotheus 1,7)

Der bronzene Fuß des Altares be­steht aus zwei ineinander verschränkten Davidsternen, auf denen die mattierte Glasplatte mit dem „Tabgha-Motiv“ ruht. Pate für die künstlerische Gestaltung stand dabei die Geschichte der wundersamen Brotvermehrung am Ufer des Sees Genezareth.

Auf der Altarplatte sind die zwei Fische und fünf Brote zu sehen, mit denen Jesus die Hungrigen gespeist hat. „Gebt ihr ihnen zu essen!“, war dabei sein Auftrag an die Jünger. Gestärkt durch das Sakrament des Abendmahls sind wir eingeladen, mit den Armen unseren Reichtum zu teilen.

Das beim Taufbecken in das mattierte Glas geätzte Wassermotiv ist inspiriert vom sprudelnden Wasser der Jordanquellen, die wir auf einer Gemeindereise besucht haben. Das Wunder des lebendigen Wassers in einem ansonsten sehr trockenen Land ist vergleichbar mit der erfrischenden Kraft des Glaubens an einen lebendigen Gott, der uns als Mitgift für unser Leben seinen Segen in der Taufe schenkt.

Drei gebogene Glasplatten mit dem Wassermotiv tragen – in Bronze gefasst – die aufklappbare bronzene Taufschale mit dem Wasserkrug in der Mitte.

Blickfang und „Seele“ des Chorrau­mes ist aber die überlebensgroße bronzene Christusfigur. Der 2,90 Meter große Auferstandene beherrscht mit seiner einladenden Geste den gesamten Chorraum.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühsam und beladen seid. Ich will euch erquicken!“ Das war die Botschaft Jesu damals an seine jüdischen Landsleute und ist über die Jahrtausende die Botschaft an die Welt. Christus steht mit seinem Leben und seiner Botschaft für den menschenfreundlichen, zugewandten Gott, der jedem seiner Menschenkinder zusagt: „Ich hab dich lieb, du bist mir wertvoll, ich begleite dich auf deinem Weg und ich bringe dich ans Ziel.“

Gute, froh machende Erfahrungen mit diesem Gott nicht nur in der Sommerzeit wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Christian Brost

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