Predigt zum Karfreitag

…. denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst worden seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. (1.Petrus 1,18 f.)

Solange es Menschen gibt, haben sie versucht, Gott auf ihre Seite zu bringen durch Gebete, Geschenke und Opfergaben. Oft ging es dabei um Sonnenschein und Regen, um Wachstum für die Saaten oder um einen Vorteil gegenüber dem Mitbewerber.

Manchmal geht es aber auch darum, dass wir ganz genau spüren, dass wir nicht so sind, wie wir sein sollten. Und dass wir nicht ewig die Schuld unserer Erziehung geben können oder den widrigen Lebensumständen. Es gibt Dinge in unserem Leben, für die wir uns schämen, Taten, die wir uns selber nicht verzeihen können und darum auch Gott nicht zutrauen, dass er sie uns vergeben kann. Ein lieber Freund von mir hat dafür den starken Spruch gebraucht: Wenn zwei Menschen sich begegnen, begegnen sich immer auch zwei Abgründe. Gut, dass uns das nicht immer bewusst ist. Aber wer schon einmal unter der Feindschaft, der Bosheit und der Intriganz eines anderen gelitten hat, der versteht, was sich hinter diesem Spruch verbirgt. Auch hinter der freundlichsten Fassade finden sich schlimme Gedanken, und es gibt wenig, wozu wir im Notfall nicht fähig wären.

Kein Wunder, dass gläubige Menschen zu allen Zeiten nach Mitteln und Wegen gesucht haben, Gott gnädig zu stimmen, sich ihm annehmbar zu machen, die Schuld vergeben zu bekommen.

Das Opfer zu biblischer Zeit

Zu biblischer Zeit floss im Jerusalemer Tempel das Opferblut in Strömen. Aus allen Teilen des Landes kamen die Menschen in das Heiligtum, um hier mit Gott ins Reine zu kommen. Ein Täubchen, ein Lamm, ein Ochse – sie bluteten stellvertretend für die Opfernden und stimmten Gott gnädig!

Einmal im Jahr, am Großen Versöhnungstag, versprengte der Hohepriester im Allerheiligsten des Tempels, in Gottes Wohnstube, Blut zur Versöhnung des Volkes mit Gott. Das Blut sollte Gott an seinen Bund erinnern und die Menschen ihm gegenüber rein und annehmbar machen.

Doch schon damals waren die hellsichtigen unter den Juden mit dieser Praxis nicht einverstanden. Der Prophet Jesaja etwa spricht im Namen Gottes:

Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unter-drückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!

Das Opfer Jesu

Dieses Tun des Willens Gottes, dieses Tun des Gerechten hat uns Jesus vorgelebt. Er trug dabei ein zugewandtes, menschenfreundliches, barmherziges Bild von Gott im Herzen. Deshalb hat er zeitlebens seine Zuwendung denen geschenkt, die sie nötig brauchten:

  • den wirtschaftlich sicher nicht gut gestellten Jüngern,
  • den Witwen, die mit ihm auf dem Weg waren,
  • den Zöllnern, die aus der Gemeinschaft Israels ausgeschlossen waren,
  • den Kranken, deren Krankheit man als Strafe Gottes für besondere Sünden ansah.

Ihnen allen hat Jesus Gottes Nähe geschenkt. Er hat sie getröstet und geheilt; er hat mit ihnen gegessen und getrunken.

Und letztlich ist er für sie in die Höhle des Löwen gegangen, nach Jerusalem, um hier für sein Gottesbild zu werben, um hier bei den Priestern und Schriftgelehrten seine Lehre anerkannt zu bekommen. Für die kleinen Leute ging er dahin, die an seinen Lippen hingen und auf seinen Gott ihre Hoffnung setzten.

Aber die religiöse Hierarchie und die Jerusalemer Bürger lehnten Jesus ab. Sie wollten seinen Gott nicht, weil er am Tempel und der dortigen Opferpraxis Kritik übte. Und das war die beste Einnahmequelle der Stadt!

Für die Römer war ohnehin jeder, der Zulauf beim Volk hatte ein Aufrührer. Am Ende fällt Jesus dem Bündnis von Tempel und Besatzungsmacht zum Opfer. Wirtschaftliche Interessen und blindes Machtgebaren kosteten Jesus das Leben.

Seine Jünger, die das miterlebten, sagten: ‚Für uns ist er gestorben!’

In diesem Sinn ist Jesus auch für mich gestorben.

Und wann immer mir Zweifel kommen, ob der Glaube an die Liebe nicht vielleicht doch eine Illusion ist, denke ich an Jesu Vertrauen in die Liebe Gottes und fasse wieder neuen Mut. Von Jesus habe ich gelernt, dass Gott nicht unseren Tod, sondern unser Leben möchte. Er will keine zerknirschten, furchtsamen Untertanen, sondern Kinder, die im Ernstfall beherzt gegen der Strom der Zeit schwimmen. Er will nicht, dass wir uns hinter stellvertretenden Opfergaben verstecken, sondern er möchte, dass wir leben, was wir glauben, dass wir vertrauensvoll und menschlich miteinander umgehen, den anderen im Blick haben und nicht nur uns selber und unsere Bedürfnisse und Ängste.

Die Deutung des Opfers Jesu

Schade, dass die junge Christenheit später anfing, die Hinrichtung Jesu mithilfe der alten Opferrituale zu deuten. Sie wollten damit ihren jüdischen Nachbarn deutlich machen, dass Jesu Tod am Kreuz kein Grund sei, an seiner Sendung zu zweifeln. Im Gegenteil: Das Opfer seines Lebens sei viel wirksamer als der Tod viele Opfertiere zu Zeiten des Tempels. Um dem Sterben Jesu die Schande zu nehmen, die es in den Augen der jüdischen Mitbürger hatte, sagten sie, es sei Gott gewollt und Heil bringend.

Auch wenn ich verstehen kann, warum in der frühen Christenheit manche Jesu Tod als rituelles Opfer gedeutet haben, ist für mich diese Deutung zunehmend befremdlich. Die Überlegung, Jesu Blut habe fließen müssen, um den zornigen Gott mit der Welt zu versöhnen, stellt meines Erachtens Jesu eigenes Bild von Gott auf den Kopf.

Dieser Opfergedanke macht aus dem guten Hirten, der sein verlorenes Schaf sucht, einen blutgierigen Moloch.

Außerdem wird Jesus durch die Vorstellung, Gott habe durch sein Blut versöhnt werden müssen, Mittel zum Zweck. Es geht gar nicht länger um Jesu Schicksal, sondern nur noch um mein Seelenheil: Jesus muss sterben, um mein Schuldkonto bei Gott auszugleichen.

Dass dies in vielen Passionsliedern freudig besungen wird, macht das Gottesbild, das dahinter steht, nicht einladender.

Karfreitag

Nein, Gott ist kein blutrünstiger Moloch, der durch Opfer besänftigt werden muss. Er braucht den Kreuzestod Jesu nicht, um zu wissen, wie er zu uns steht. Aber uns können am Karfreitag die Augen aufgehen, wenn wir genau hinschauen. Für uns ist es heilsam, aufs Kreuz zu blicken und zu gesunden. Inwiefern?

Menschliche Gier und menschlicher Neid haben Jesus ans Kreuz gebracht. Er hat den Priestern und den Kaufleuten mit seiner Kritik am Tempel das Geschäft vermiest. Bis heute gehen Menschen für Geld und Gut über Leichen.

Ich war vorige Woche in Irland unterwegs – ein wunderschönes Land, das einen unvergesslichen Eindruck bei uns hinterlassen hat. Wir wurden durch unseren Guide allerdings auch mit den Folgen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs konfrontiert, der dem Bauboom in den vergangenen Jahrzehnten folgte. Die kleinen Leute zahlen nun die Zeche für die Maßlosigkeit in Politik und Wirtschaft. Ganze Siedlungen sind zu Geisterdörfern geworden, weil die Menschen die Zinsen nicht mehr bezahlen können und buchstäblich auf der Strasse stehen; bis heute wandern wöchentlich 1000 junge Menschen aus, um anderswo ihr Glück zu suchen. Selbstmorde sind ebenso an der Tagesordnung wie eine schamlose Selbstbedienungsmentalität in Politik und Wirtschaft.

Menschliche Angst vor Veränderung hat Jesus ans Kreuz gebracht: Römer, Pharisäer und Schriftgelehrte wollten, dass alles beim alten bleibt, ihnen niemand ins Handwerk pfuscht, sie weiterhin schalten und walten können wie bisher.

Bis heute fügen wir Menschen einander Leid zu, weil wir so sehr in unseren eigenen Vorstellungen von Leben gefangen sind, dass wir alles andere aus dem Blick verlieren. Doch Bosheit, Grausamkeit und Gier sind bei Lichte besehen Ausdruck einer verletzten Seele, Ausdruck der Sehnsucht nach Anerkennung, nach Erlösung.

Das Leben Jesu ist nicht totzukriegen

Wenn wir nachher miteinander Abendmahl feiern, dann feiern wir Jesus in unserer Mitte, der uns diese Erlösung gebracht hat.

Wir erinnern uns daran, dass uns durch ihn ein anderes Leben geschenkt ist: eines, das sich nicht in Äußerlichkeiten erschöpft; eines, in dem es nicht in erster Linie um Geld und Güter geht, ein Leben, das mit der Schöpfung und dem Mitmenschen achtsam umgeht.

Barmherzigkeit wollte Jesus und einen liebvollen Blick für die, die vom Leben gebeutelt werden, die ihren Glauben an einen gnädigen Gott verloren haben. Durch unsere Freundschaft und Freundlichkeit soll dieses Vertrauen wieder wie ein zartes Pflänzchen wachsen.

Auch dafür habe ich in dieser Woche ein beeindruckendes Beispiel erhalten: Ich hatte diese Woche ein Gespräch mit einer Steyler Missionsschwester, die aus dem Weinviertel stammt, aber seit fast 50 Jahren in Chile lebt. Diese Frau hat mir -ohne es zu ahnen- vor Augen geführt, was mit einem Menschen passiert, der wirklich in Jesu Fußtapfen tritt anstatt nur darüber zu reden.

Diese Frau hat Ausstrahlung. Ihre Rede hat Kraft und ihr Leben eine positive Dynamik. Und warum?

Weil diese stille Bauerntochter dem Ruf Gottes gefolgt ist, den sie in sich vernahm, und ihr Leben in den Dienst von Menschen am anderen Ende der Welt stellte und damit wirklich etwas veränderte. Sie ist dabei nicht ärmer geworden, sondern reicher, innerlich reicher. Menschen sind ihr begegnet, die sie Glauben und Leben lehrten und die nun zum Schatz ihres Lebens gehören. Als sie mir dann erzählte, dass sie wohl zum letzten Mal in Österreich zu Besuch gewesen ist, strahlten ihre Augen in dem Bewusstsein, dass sie nicht ins Ungewisse geht, wenn sie stirbt.

Ich bin Gott sehr dankbar, dass er mir in diesem Gespräch sehr eindrücklich vor Augen geführt hat, dass das Leben, das Christus uns vorgelebt hat, nicht tot zu kriegen ist. Das ist für mich die Botschaft und die Einladung des Karfreitags.

Christus, du bist den Weg der Liebe und des Vertrauens Gott gegenüber bis zum Ende gegangen. Wir bitten dich, öffne unsere Herzen für die Tat deiner Liebe und erwecke uns durch deinen Tod zum Leben. Amen.

Pfr. Christian Brost

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