„Der Sündenfall“: Predigt über 1 Mose 3,1-24

Die ersten 11 Kapitel der Bibel gehören zum bezauberndsten und tiefsinnigsten, das je über uns Menschen und unsere Welt geschrieben wurde, liebe Gemeinde!

In dieser Urgeschichte sind viele kleine Erzählungen gesammelt, die davon berichten,

  • wer wir sind,
  • wie es um uns steht,
  • und wozu wir fähig sind – im Guten wie im Bösen.

Was aussieht wie die Geschichte vom Anfang der Welt, ist in Wahrheit unsere Lebensgeschichte. Von unserer Großartigkeit ist hier die Rede, aber auch von unserer Großspurigkeit. Es ist die Wahrheit über uns selbst, haben wir den Mut genauer hinzusehen!

1

Der Anfang ist idyllisch. Adam und Eva sind ganz eng miteinander und mit Gott verbunden. Grenzenloses Vertrauen eint sie.

Sie sind nackt und kennen keine Furcht, sie wissen nicht, dass sie sterben müssen. Sie leben unbeschwert in den Tag hinein – wie Kinder!

Udo Lindenberg singt einmal in einem Lied vom Paradies der Kindheit: Die kleine Stadt, die liegt so weit zurück. Sie war der Mittelpunkt der Welt. Unsere enge Strasse war breit wie der Hollywoodboulevard. und in der Kirche wohnte der liebe Gott. Da war er noch nicht tot.

Da hat er sich noch um alles gekümmert.

Was für eine wunderschöne Zeit des Lebens, in der sich Gott um alles kümmert. In der die Sterne für mich leuchten und die Blumen für mich blühen, in der es Engel gibt und Wunder, eine Zeit, in der selbst der Tod nicht bedrohlich ist.

Ich erinnere mich noch daran, wie mein Großvater gestorben ist … Erinnert ihr euch an eure Kindheit?

2

Leider können wir nicht für immer im Garten unserer Kindheit bleiben! Irgendwann wird uns das alles zu eng. Wir wollen selber entscheiden und uns nicht länger bevormunden lassen.

Wer je das Erwachsenwerden eines pubertierenden Teenagers erlebt hat, weiß um den Zauber, aber auch das Leiden dieser Jahre. Endlich frei werden von den Alten und ihren Regeln und Verboten. Unglaublich, wie hellsichtig junge Menschen die verlogenen Spiele der Erwachsenen durchschauen und verachten. Unglaublich dieser Drang den Himmel zu stürmen und die Welt zu verbessern.

Wir können gar nicht anders, als vom Baum der Erkenntnis zu naschen – und das Paradies zu verlieren.

Es gehört zu den Tragödien unseres Lebens, wenn das kindliche Leuchten in den Augen eines jungen Menschen erlischt und er sich den Spielregeln der Welt anpasst. Auch der Kinderglaube geht dann verloren. Die kindlichen Vorstellungen von Gott passen nicht mehr in unser Erwachsenenleben. Gott ruft, aber wir verstehen ihn nicht mehr.

Mit dem Gottvertrauen und dem Vertrauen ins Leben ist auch die Unbeschwertheit weg. Wir sind mit einem Mal auf uns selber geworfen und beginnen unser Leben neu aufzubauen – ohne Gott und seine Vorstellungen von Leben:

  • warum soll ich mich nach anderen richten, wenn ich’s mir selber richten kann?
  • warum Steuern bezahlen, wenn ich etwas tricksen kann?
  • warum einen anderen nicht bloß stellen? Sein Problem, wenn er Fehler macht.
  • warum die Hungerleider aus anderen Ländern mit durchfüttern? Die sollen was arbeiten, wenn sie leben wollen.

Ölverklebte Vögel, verminte Landstriche und Feindbilder gehören fortan ebenso zu unseren Begleitern wie Kindesmisshandlung, Apartheit und Diktatur.

Versteht mich richtig. Ich glaube nicht, dass wir Menschen das Böse tun, weil wir böse sein wollen. Wer will schon böse sein?

Wir tun das Böse oft genug, weil wir mehr von Leben haben wollen und weil wir glauben mehr wäre besser, nehmen seliger als geben; weil wir lieber Hammer sind als Amboss. Wir pflücken die verbotenen Früchte und merken gar nicht, wie sie unser Leben vergiften.

Zeigt mir einen reichen Menschen, der sagt: Danke, ich hab genug. Ich bin zufrieden. Das kann jetzt ein anderer haben.

Wir haben uns eine beunruhigende Selbstherrlichkeit angeeignet; wir wollen uns nichts mehr sagen lassen: von Gott nicht, von unseren Mitmenschen nicht. Wir wollen das Leben selber beherrschen, selber entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. Aber wir sind mit Gottes Rolle überfordert.

Mit unserer Emanzipation von Gott, geraten wir uns in ein neues Kraftfeld, dessen Kräfte uns Angst machen, weil wir sie nicht durchschauen und ihnen nicht gewachsen sind. Die Liebe, um die es eigentlich gehen sollte in unserem Leben, weicht der Angst. Wir spüren, dass wir das Ziel verfehlen, Gutes unterlassen, Böses tun, nicht so sind, wie wir sein sollten. Doch statt uns das einzugestehen, schieben wir die Schuld auf andere, verdrängen sie, beschwichtigen und versuchen mit allerlei Tricks unsere Blöße zu verbergen.

Mit Erlöstsein, mit Zufriedenheit, mit Glück, mit Sinn hat das alles nicht mehr viel zu tun.

3

Gott sei Dank ist die Schilderung des Sündenfalles nicht das letzte Wort der Autoren der Urgeschichte, sondern ihr erstes.

Der Gottlosigkeit des Menschen korrespondiert nicht die Menschenlosigkeit Gottes. Gott vergilt nicht Gleiches mit Gleichem. Er ruft seine verlorenen Menschen:

Eva/Adam, wo seid ihr? Ihr braucht euch nicht zu verstecken, ihr braucht nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen, ihr braucht nicht so einen Aufwand betreiben, um euer böses Tun zu verbergen. Ich sehe ja, dass ihr unglücklich seid. Lasst euch helfen!

Und dann verlässt Gott gemeinsam mit den Menschen das Paradies, schließt die Tür von außen und macht sich mit seinen Menschen auf den Weg. Er schenkt ihnen ein dickes Fell, das sie schützen soll vor menschlicher Kälte, vor Bosheit und Resignation. Und er weist sie auf den Tod hin – nicht als Strafe, sondern als etwas Gnädiges. Nicht auszudenken, wenn Misstrauen, Begierde und Hochmut samt ihren Folgen ewig dauern würden. Gott sei Dank ist ihnen durch den Tod eine Grenze gesetzt…

Gott nimmt nichts von dem zurück, was er in unser Leben hinein gelegt hat: die Herrschaft über die Natur, die Bestimmung zur Mitmenschlichkeit und zur schöpferischen Liebe bleiben unser Auftrag, auch wenn Misstrauen und Gier unserem Leben ein negatives Gefälle beschert haben.

Worauf kommt es nun an, liebe Gemeinde? Dass wir Gottes Einladung nicht überhören und uns von ihm helfen lassen!

Gott hat keinen Einfluss auf unser Leben, wenn wir ihm diesen nicht einräumen. Deswegen ist es ja so wichtig, dass wir uns ihm stellen – im Gottesdienst, im gemeindlichen Miteinander, im Gespräch über sein Wort, im Gebet und in der Meditation. Hören wir auf, uns herausreden auf die Umstände, die Erziehung und die böse Welt. Entdecken wir das erwachsene Vertrauen auf Gott und betreten wir so wieder den Lebensraum der Liebe. Wir werden uns wundern, welche Menschen uns Gott dabei in den Weg stellt , welche Wunder wir mit eigenen Augen sehen und welche Kraft mit einem Mal von uns ausgeht!

Amen.

Pfr. Christian Brost

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